Cleared for Action?
Der Zugang zur europäischen Verteidigungsindustrie ist anspruchsvoll: Zertifizierungen, Nachweispflichten, internationale Normen – und ein Markt, der trotz politischer Zeitenwende nur langsam in Fahrt kommt. Doch immer mehr mittelständische Unternehmen wagen den Schritt in den Defence-Bereich.
Daniel Pohselt
Der europäische Verteidigungssektor erlebt die größte Investitionswelle seit dem Kalten Krieg: Allein die EU-Mitgliedstaaten haben 2024 rund 350 Milliarden Euro für Verteidigung ausgegeben – Tendenz steigend. Gleichzeitig öffnet sich der Markt nur langsam. Zwar sprechen Regierungen von „Zeitenwende“ und „Resilienz der Rüstungsbasis“, doch Beschaffungszyklen von 10–15 Jahren, fehlende Produktionskapazitäten und ein Mangel an zertifizierten Zulieferern bremsen die Umsetzung.
Wer heute in Defence einsteigen will, steht vor drei Haupthürden: Normen & Zertifizierungen: Schon der Einstieg erfordert teure Audits, Rückverfolgbarkeit bis zur Schmelze und umfangreiche Dokumentation. Kleine Fehler verzögern Projekte um Monate. Die Marktstruktur: Über 80 Prozent der europäischen Verteidigungsausgaben fließen an wenige „Primes“ wie Rheinmetall, KNDS, Airbus, Leonardo, BAE Systems oder Saab. Zugang erhält nur, wer spezifische Fähigkeiten nachweist – und wer bereit ist, jahrelang ohne garantierte Aufträge vorzuleisten. Politische Komplexität: Gegengeschäfte, nationale Interessen, Exportauflagen und geopolitische Vorgaben bestimmen, wer liefern darf. Kleine Länder wie Österreich haben kaum eigene Prüfstellen oder Förderprogramme – viele Unternehmen müssen Zertifizierungen im Ausland absolvieren, was den Einstieg verteuert.
Gleichzeitig herrscht ein massiver Kapazitäts- und Lieferantenmangel: Europa braucht tausende neue Zulieferer für Fahrzeuge, Elektronik, Sensorik, Munition und Logistiksysteme. Genau hier entsteht eine historische Chance für Unternehmen aus Maschinenbau, Metallverarbeitung, Elektronik oder Kunststofftechnik.
Österreichs Industrie beginnt diese Nische zu besetzen – mit Unternehmen, die ihre zivilen Kompetenzen in militärische „Fähigkeiten“ übersetzen. Wir haben uns einige davon angesehen:
Winkelbauer: Vom Baumaschinenprofi zum Defence-Zulieferer
Das oststeirische Familienunternehmen Winkelbauer fertigt seit Jahrzehnten robuste Baumaschinenkomponenten. Jetzt entsteht ein neues Standbein: militärische Anwendungen. Die Zertifizierung nach DIN 2303 (Q2) ist geschafft, der Aufstieg in die Königsklasse Q3 läuft. Diese Norm regelt das Schweißen von Wehrtechnik – jedes Materiallos wird abgenommen, jedes Bauteil rückverfolgt.
Winkelbauer arbeitet seit über 20 Jahren mit SSAB an hochfesten Stählen wie Hardox oder Armox. Heute entstehen in Anger bereits Bauteile für Transformatorenschutzgehäuse und Pioniertechnik für Österreich und die Schweiz. Der bürokratische Aufwand ist hoch, der heimische Standort aber im Nachteil: Österreich verfügt erst seit kurzem über eigene Prüfstellen, viele Zertifizierungen müssen weiterhin in Deutschland erfolgen.
Geschäftsentwicklung und Lieferketten sind dennoch vielversprechend. Die Erfahrung mit OEMs wie Liebherr oder Caterpillar schafft Vertrauen – und im Vergleich zur volatilen Baukonjunktur wirkt Defence fast planbar.
Booxit: Hightech-Logistik als militärische Fähigkeit
Während große Player ihre Strukturen adaptieren, baut ein oberösterreichisches Start-up an einer neuen militärischen Logistikarchitektur. Booxit entwickelt ein hochfestes, vernetztes Mehrweg-Boxensystem, das militärische Versorgung dezentralisiert und digitalisiert. Nicht das Produkt steht im Vordergrund, sondern die „Fähigkeit“: eine durchgehende Supply Chain vom Container bis zum unbemannten Boden- oder Luftfahrzeug.
Produziert wird im Verbund regionaler Industriepartner wie Polytec, Haidlmair, Moldsonic oder Ginzinger. Booxit nutzt damit freie Kapazitäten aus dem Automotive-Umfeld – ein Cluster, das durch den technologischen Wandel neue Geschäftsfelder sucht.
Das Konzept adressiert eine Schwachstelle moderner Kriegsführung: starre, verwundbare Logistikstrukturen. Mit Sensorik, dynamischer Datenanalyse und autonomen Transportoptionen wird jede Box zum Teil einer mobilen, resilienten Infrastruktur.
Booxit ist bereits bei europäischen Defence-Innovationsformaten präsent, das Bundesheer testet das System. Die Produktionsvorbereitung läuft – Ziel ist ein neuer logistischer Standard, vergleichbar mit dem Container in den 1960ern.
Kontron: Rechenpower für Radar, Sensorik und Kommunikation
Kontron in Linz positioniert sich nicht als Rüstungskonzern, sondern als IoT- und Embedded-Computing-Spezialist. Dennoch stammen mittlerweile rund zehn Prozent des Umsatzes aus dem Defence-Sektor. Geliefert werden robuste Rechnerplattformen für Sensorik, Radar, Kommunikation – Technologien, die ursprünglich für Industrie oder Medizintechnik entwickelt wurden und nun in militärischen Anwendungen eingesetzt werden.
Kontron arbeitet mit offenen Standards wie SOSA oder MOSA, was die Integration in Systeme von Thales, BAE oder Boeing erleichtert. Produziert wird global, aber der Trend geht zu lokaler Fertigung in Europa und den USA. Strenge Normen wie ITAR, AS9100 oder nationale Zulassungen schaffen hohe Eintrittsbarrieren – Projekte dauern Jahre. Doch europäische Nachfrage steigt deutlich, insbesondere seit dem 100-Milliarden-Euro-Sonderfonds in Deutschland.
Heldeco: Präzision als Türöffner – aber politische Unterstützung fehlt
Der steirische Spezialfertiger Heldeco liefert seit Jahren große, hochpräzise Bauteile für Energie- und Luftfahrttechnik. Über EN 9100 erfolgte der Einstieg in die militärische Fertigung – etwa Komponenten für Radaufhängungen. Doch der Zugang zum Markt bleibt schwierig.
Geschäftsführer Helmut Dettenweitz kritisiert die fehlende politische Rückendeckung: Ohne industrielle Kooperationen oder Gegengeschäfte sei es kaum möglich, sich in europaweiten Defence-Projekten zu positionieren. Erste Lieferungen sind erfolgt, weitere Projekte in Entwicklung – doch Österreich müsse seine industrielle Kompetenz aktiver einbringen.
Schmees cast Langenfeld: Panzerstahl als Schlüsselqualifikation
Die deutsche Gießerei Schmees cast Langenfeld zeigt, wie hoch Hürden im Defence-Bereich liegen. Das Unternehmen besitzt eine der wenigen unabhängigen Panzerstahlzulassungen in Deutschland – ein Prozess, der Beschussversuche, Dokumentation und FAI-Prüfungen umfasst.
Erst mit dieser Zulassung wurde Schmees für Systemhersteller wie Rheinmetall oder KNDS sichtbar. Der Markt bleibt jedoch träge: Vorlaufzeiten sind lang, Aufträge kommen oft überraschend. Dennoch wächst der Wehrtechnikanteil deutlich, Projekte reichen erstmals bis 2030.
Die größte Herausforderung ist die Bürokratie: Teile liegen teils monatelang fertig im Werk, weil Freigaben durch BAFA oder WTD fehlen. Gleichzeitig steigt der Druck in der Industrie – immer mehr Gießereien aus dem Automotive-Bereich wechseln in die Munitionsproduktion. |
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