Superjahrzehnt der Defence: Ein olivgrünes Wirtschaftswunder?
Die neue Bedrohungslage in Europa beschert der Rüstungsindustrie ein Boomjahrzehnt. Doch wie passt Militärtechnik zu den Geschäftsgrundsätzen klassischer Zulieferer – und wie gelingt die Konversion?
Von Daniel Pohselt, Rudolf Loidl
Fast drei Jahre lang rang die Industriellenfamilie Leibinger mit sich, nun ist die Entscheidung gefallen: Der christlich geprägte Maschinenbauer Trumpf ändert seine Unternehmensverfassung und ebnet damit den Weg in die Rüstungsindustrie. Für Europa ein Signal: Denn Trumpf gilt als global führend in der Lasertechnologie – von Chipfertigung über 3D-Druck bis zu Schneidanlagen.
Künftig könnten ihre Hochleistungslaser zum Beispiel bei der Drohnenabwehr eine Schlüsselrolle spielen: Strom statt Munition, die Kosten pro Einsatz dramatisch geringer als bei klassischen Systemen. Ein Einstieg ins Defence-Business – etwa, wie kolportiert, in Kooperation mit dem Rüstungshersteller Thales - würde Europa technologisch unabhängiger machen.
Sonderkonjunktur durch Konversion?
Trumpf wird damit zum Symbol für eine Zeitenwende: Wenn selbst ein pazifistisch geprägtes Familienunternehmen den Schritt in die Rüstungsindustrie wagt, zeigt das, wie sehr geopolitische Realität und industrielle Verantwortung mittlerweile ineinandergreifen.
Denn unser Kontinent steht sicherheitspolitisch unter Druck wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Der Krieg in der Ukraine, die unklare Rolle der USA und der geopolitische Aufstieg Chinas zwingen die EU-Staaten, ihre Verteidigungsbudgets massiv hochzufahren.
2024 beliefen sich die europäischen Militärausgaben bereits auf 326 Milliarden Euro – Tendenz steigend. Mit dem Programm „ReArm Europe“ will die EU-Kommission nun bis zu 800 Milliarden Euro mobilisieren. Die Folge: Eine Sonderkonjunktur, die nur langsam in den Bilanzen und Auftragsbüchern der Industrie ankommt.
Pankl: Luftfahrt statt Motorradkrise
Ein Beispiel aus Österreich liefert Pankl. Jahrzehntelang war das Kapfenberger Werk auf Getriebeteile für KTM fixiert, doch mit der Insolvenz des Motorradbauers mussten die Kapazitäten neu verteilt werden. Heute fertigt man dort hochpräzise Komponenten für die Luftfahrt – vom Hubschrauberbauteil bis zum Triebwerkssegment.
CEO Wolfgang Plasser beziffert den militärischen Umsatz des Unternehmens auf rund 20 Millionen Euro pro Jahr, mit klarer Wachstumsprognose. Pankl Aerospace beliefert sowohl US-Programme wie das FARA-Helikopterprojekt als auch französische und italienische Kunden. „Wir erwarten einen noch stärkeren Aufbruch als bisher“, sagt Plasser. Doch er mahnt auch: Österreich müsse bürokratische Hürden abbauen und endlich einen funktionierenden Binnenmarkt für Defence schaffen.
Steyr Motors: Motoren für Panzer und Schiffe
Noch deutlicher profitiert Steyr Motors. Der oberösterreichische Antriebshersteller, mehrheitlich im Besitz der Münchner Mutares-Gruppe, hat Aufträge bis 2027 im Wert von fast 200 Millionen Euro in den Büchern. Zwei Drittel des Umsatzes stammen bereits aus Defence – mit Motoren für Spezialfahrzeuge, Boote oder als Hilfsaggregate für Kampfpanzer.
Besonders die Kooperation mit Rheinmetall sorgt für Fantasie: Steyr-Motoren sollen in künftigen Kampfpanzern wie dem „Panther“ eingesetzt werden. Auch international läuft das Geschäft: Ein Rahmenvertrag mit einem brasilianischen Kunden steht kurz vor Abschluss. CEO Julian Cassutti spricht offen von einem „Superjahrzehnt“ für die Branche.
Palfinger: Von Baukränen zur Marine-Logistik
Auch der Salzburger Kranhersteller Palfinger entdeckt Defence als Wachstumsfeld. Bislang macht die Sparte nur wenige Prozent des Umsatzes aus, doch die Projekte haben Gewicht: Bergefahrzeuge für das Bundesheer, Slipway-Systeme für die Marine in Singapur.
„Die Ausschreibungen sind entscheidend – Null oder Eins“, sagt Klaus Schreiber, Vice President Marine & Defence. Wer einen Auftrag verliert, sei oft für Jahrzehnte aus dem Rennen. Palfinger setzt deshalb auf engere Kooperation mit Integratoren und Werften – und profitiert von der Flexibilität seiner Produktion: Militärische Kräne können in denselben Hallen gefertigt werden wie zivile, lediglich Lackierung und Steuerungstechnik unterscheiden sich.
STI Steyr: Pinzgauer-Nachfolger in den Startlöchern?
Ein weiterer Player ist STI Steyr, ein Spezialfahrzeugbauer aus Oberösterreich. Das Unternehmen, hervorgegangen aus der Steyr-Daimler-Puch-Tradition, hat tausende Militär-LKW nach Saudi-Arabien exportiert und modernisiert. Nun hofft man auf den Zuschlag für ein Nachfolgefahrzeug des legendären Pinzgauer und des Puch G.
Am Standort Waldneukirchen wird bereits an Prototypen gearbeitet, ein weiterer Standort ist in Planung. „Wenn es erforderlich ist, können wir in neun Monaten produzieren“, sagt Eigentümerin Judith Ringer.
Fazit: Der Defence-Supercycle rollt
Trumpf, Pankl, Steyr Motors, Palfinger, Empl und STI Steyr – so unterschiedlich die Unternehmen, so gleich die Dynamik: Zivile Hightech-Kompetenzen kippen in die Verteidigung, klassische Zulieferer finden neue Märkte, und einst pazifistische Unternehmerfamilien revidieren Grundsätze.
Der „Supercycle“ der Defence-Industrie ist längst Realität. Für Österreich und Europa bedeutet er nicht nur volle Auftragsbücher und Investitionen, sondern auch eine neue Verantwortung: Industriepolitik ist heute Sicherheitspolitik.